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Im südöstlichen Niederösterreich, in der Ebene des Steinfeldes, liegt in einer Höhe von etwa 270 m über dem Meeresspiegel die Stadt Wiener Neustadt. Die Altstadt entwickelte sich am Nordende eines sich von Neunkirchen gegen Norden ausbreitenden Schuttkegels der Schwarza. Das Wiener Neustädter Stadtgebiet reicht aber auch noch in jene flache Mulde hinein, die sich zwischen dem Schuttkegel der Schwarza und dem Südrand des Wöllersdorfer Schuttkegels befindet. Zum Unterschied vom östlichen Stadtgebiet – wo der Steinfeldschotter eine relativ starke Humusbedeckung aufweist – ist die diese Mulde bedeckende Alluvialschicht nur wenige Zentimeter dick. Darunter befindet sich eine 6–10 Meter starke, wasserdurchlässige Alluvialschotterschicht, unter der eine wasserundurchlässige, bis zu 2 Meter dicke Konglomeratschichte festzustellen ist; unter dieser liegt eine wasserführende Schotterschichte. Die Lage von Wiener Neustadt nahe der bei Fischau in südnördlicher Richtung verlaufenden Dislokationsspalte („Thermenlinie”) bedingt recht häufig auftretende Erschütterungen der Stadt durch Erdbeben (1).
(1) J. MAYER, Gesch. v. WN, I, Bd. (1924) S. 2 sowie H. GÜTTENBERGER u. F. BODO, Das südöstl. NÖ (1929) S. 209.
Wiener Neustadt wird in erster Linie von der bei Bad Fischau entspringenden Fischa entwässert. Kleinere, im Bereich von Wiener Neustadt aufquellende Bäche sind der Himmelbach, Polierbach, Altabach und der Hammerbach; von weitaus größerer Bedeutung als die genannten Bäche aber ist ein künstliches Gerinne, der „Kehrbach”, eine Ende des 12. Jahrhunderts geschaffene Abkehrung der Schwarza bei Peisching. Ein zweites künstliches Gerinne, das im Flußnetz Wiener Neustadts eine wichtige Rolle spielt, ist der 1798–1803 angelegte „Wiener Neustädter Schiffahrtskanal” (2).
(2) MAYER (wie Anm. 1)S. 2 ff.
Wohl aufgrund des kargen Bodens blieb das Gebiet, auf dem später die Stadt erstand, bis ins Spätmittelalter äußerst dünn besiedelt. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde dieser Landstrich außerdem noch als Grenzgebiet zwischen den Herzogtümern Österreich und Steiermark aus strategischen Gründen siedelleer gehalten. Nach der Vereinigung der beiden genannten Herzogtümer in der Hand des österreichischen Herzogs Leopold V. erschien es jedoch nicht mehr länger notwendig, die Entstehung von Siedlungen im bisherigen Grenzgebiet zu unterbinden. Der Babenberger entschloß sich schon kurze Zeit nachdem die Steiermark an ihn gekommen war – und zwar sowohl aus strategischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen-, gerade hier, im südlichen Steinfeld, eine stark befestigte Stadt errichten zu lassen (3). Aufgabe dieser Stadt sollte es sein, feindlichen Scharen aus dem Osten, ein Vordringen zu den wohlhabenden Märkten Pitten, Neunkirchen, Gloggnitz und Fischau zu erschweren sowie die für den Handel überaus wichtigen Straßenzüge im Steinfeld bzw. die Übergänge über Hartberg, Hochwechsel und Semmering zu schützen (4).
(3) F. POSCH, Die Gründungszeit v. WN, in: Volksruf 71. Jg. Folge 52 (1942) S. 5 u. A. KLAAR, Der Stadtgrundriß v. WN, in: UH 17 (1946) S. 145 f.
(4) P. CSENDES, Die Straßen Niederösterreichs im Früh- und Hochmittelalter. (Diss. d. Univ. Wien 33, 1969).
Noch heute ist deutlich zu erkennen, daß es sich bei Wiener Neustadt um eine planmäßig gegründete Stadt handelt: Ihr Grundriß hat die Form eines riesigen Parallelogramms, dessen Länge an der Südseite 620 m, an der Westseite 685 m beträgt. Ein Kreuz von vier Hauptstraßen (Neunkirchner Straße, Ungargasse, Wiener Straße und Herzog-Leopold-Straße), die nach den vier Himmelsrichtungen ausstrahlen, teilt die Stadt in vier Viertel. Im Zentrum wurde ein rechteckiger, ca. 180 X 80 m großer Platz als Markt ausgespart. Auf dem zweiten großen, im nordwestlichen Stadtviertel situierten Platz begann man um 1200 mit dem Bau einer äußerst großzügig geplanten Pfarrkirche und wohl auch mit der Anlage eines diese Kirche umgebenden Friedhofes; außerdem ließ der Landesfürst an der Nordseite des Platzes ein weitläufiges Gebäude errichten, in dem er und seine Familie sowie auch sein Hofstaat bei längeren Aufenthalten in der Stadt Wohnung nahmen. Um das Jahr 1200 wurde mit der Errichtung einer die Stadtanlage schützenden festen Mauer begonnen. An vier Stellen unterbrachen turmbewehrte Stadttore die Ummauerung. Die Namen der Tore sind erst in späterer Zeit urkundlich zu belegen; es ist jedoch anzunehmen, daß sie bereits im 13. Jahrhundert die später gebräuchlichen Namen – „Neunkirchner Tor” (im Süden), „Ungartor” (im Osten), „Wiener Tor” (im Norden) und „Fischauer” bzw. „Fleischhacker Tor” (im Westen) – führten. Die Ummauerung wurde, von den Türmen der Stadttore abgesehen, noch durch vier gewaltige Ecktürme und mehrere kleinere, nach und nach zwischen den Ecktürmen und den Tortürmen errichteten Türme verstärkt. Außerhalb der Stadtmauer entstand als zusätzlicher Schutz die niedrige Zwingermauer, an die unmittelbar ein breiter, sowohl von der Fischa als auch vom Kehrbach und diversen anderen kleinen Bächen gespeister Wassergraben anschloß (9).
(9) Ebda., S. 8 ff.
Bei der von Herzog Leopold V. in der zweiten Jahreshälfte 1194 (5) nach Fischau einberufenen Ministerialenversammlung wurde die Erbauung der „nova civitas”, der „neuen Stadt” (Der Name „Nova Civitas” bzw. „Neustadt” bürgerte sich rasch für diese Babenbergergründung ein: Erst seit dem 17. Jahrhundert (6) kommt dafür – wohl um die Stadt im Steinfeld von den zahlreichen gleichnamigen Orten im Reich, in Böhmen und Ungarn zu unterscheiden – die Bezeichnung „Wienerische Neustadt” und dann „Wiener Neustadt” auf.), besprochen. Gleichzeitig wurde die Übertragung des Marktrechtes von Neunkirchen nach Wiener Neustadt veranlaßt. Es ist anzunehmen, daß anläßlich dieses Fischauer Taidings auch der Ort ausgesucht wurde, an dem die neue Stadt gebaut werden sollte.– Die im Sommer oder Spätherbst 1194 beschlossene Stadtgründung auch in die Tat umzusetzen, war Leopold V. allerdings nicht mehr gegönnt: Erstarb Weihnachten 1194, und so blieb es seinem Sohn, Herzog Leopold VI., vorbehalten, den Bau der „Nova Civitas” zu veranlassen. Für die Anlage der neuen Stadt stand zu diesem Zeitpunkt relativ viel Geld zur Verfügung: Wiener Neustadt ist mit einem Teil des Lösegeldes des englischen Königs Richard I. Löwenherz gebaut worden (7). Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Blühen und Gedeihen der neuen Stadt war durch die Schaffung des „Kehrbaches” gegeben: Dieses seit 1198 nachweisbare künstliche Gerinne – eine Abkehrung der Schwarza bei Peisching – war sowohl zur Speisung des Stadtgrabens als auch zur Versorgung der Stadt mit Nutz- und Trinkwasser bestimmt (8).
(5) POSCH (wie Anm. 3) S. 5.
(6) G. GERHARTL, WN. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft. (1978) S. 11 u. 277.
(7) F. DWORSCHAK, Das Lösegeld, in: Katalog „König Richard I. Löwenherz”. (Dürnstein 1966) S. 31.
(8) GERHARTL, WN, S. 9 f.
Die Besiedlung mag anfangs nicht ganz einfach gewesen sein. Die in der unfruchtbaren und durch die zahlreichen Sümpfe auch recht ungesunden Ebene des Steinfeldes situierte Stadt erhielt wohl erst durch die Verleihung wichtiger landesfürstlicher Privilegien einige Anziehungskraft. Zunächst sind es wohl Männer und Frauen aus den nahegelegenen kleinen Ortschaften und Einzelgehöften gewesen, die hier seßhaft wurden – wobei gewiß auch die Sicherheit, die die mächtige Stadtmauer und die Türme versprachen, eine wichtige Rolle spielte. Allmählich faßten aber auch Zuzügler aus der weiteren Umgebung, aus Steiermark, Österreich, ja vielleicht sogar aus dem nahen Ungarn, hier Fuß (10). Auch einige jüdische Familien sind bereits im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts nachzuweisen (11).
(10) MAYER (wie Anm. 1) S. 84 ff.
(11) M. POLLAK, Die Juden in WN. (1927) S. 7 ff.
Der Landstrich, in dem die neue Stadt gebaut wurde, gehörte damals noch zum Herzogtum Steiermark; entsprechend dieser Zugehörigkeit unterstand die Pfarre dem Erzbistum Salzburg. Das Patronat über die Neustädter Pfarre besaß der Landesfürst (12). Wiener Neustadt lag im Gebiet der alten Haupt- und Mutterpfarre Lanzenkirchen; unter Herzog Leopold V. ist der Pfarrsitz von Lanzenkirchen nach Wiener Neustadt übertragen worden. Der gewaltige romanische Bau der Pfarrkirche – eine von drei halbkreisförmigen Apsiden nach Osten zu abgeschlosse Basilika mit zwei mächtigen Türmen im Westen – scheint während der Regierungszeit Herzog Leopolds VI. bereits ziemlich weit gediehen zu sein. Die Gründung von klösterlichen Niederlassungen des Dominikaner- und Minoritenordens erfolgte wahrscheinlich ebenfalls noch während der Regierungszeit Leopolds VI. Der über die östliche Stadtmauer hinaus in den Zwinger ragende Chor der Dominikanerkirche (heute Neuklosterkirche) wurde ebenso in die Stadtbefestigung miteinbezogen wie das unmittelbar an die nördliche Stadtmauer angebaute Kloster und die Kirche der Dominikanerinnen von St. Peter „an der Sperr” (Der Name verweist auf die Lage neben dem Stadttor). Die Minoriten dagegen bauten ihr Kloster und ihre Kirche in der Südwestecke der Stadt (13).
(12) G. NIEMETZ, Der Dom zu WN. (SCHNELL, Kunstführer Nr. 1196, 1979) S. 2.
(13) GERHARTL, WN, S. 17 f.
Von dem 1230 an die Regierung gekommenen Herzog Friedrich II. „dem Streitbaren” erhielt die neue Stadt im Jahre 1239 ein wichtiges Mautprivileg – der Herzog dankte damit den Neustädter Bürgern für die Treue, die sie ihm in seiner bedrängten Lage im Jahre 1236 bewiesen hatten (14). Die kriegerischen Zeitläufte von 1236 führten wohl zur Inbetriebnahme der landesfürstlichen Münzstätte Wiener Neustadt, die von Fischau nach hierher übersiedelt worden war (15).
(14) Ebda., S. 21 f.
(15) B. KOCH, Die mittelalterl. Münzstätten Österreichs. Gegenwärtigerstand der Forschung u. ihre Probleme, in: Dona Numismatica. (1965) S. 168 f. und GERHARTL, WN, S. 15.
Es wird angenommen, daß auch der Baubeginn für die neue landesfürstliche Burg in die Regierungszeit des letzten Babenbergers fällt: Der Neubau – eine sehr groß dimensionierte Stadtburg mit quadratischem Grundriß und vier gewaltigen Ecktürmen – wurde nicht im Zentrum, sondern am äußersten Stadtrand, und zwar an jenem Punkt errichtet, der in Kriegszeiten am stärksten bedroht erschien; Süd- und Ostflanke der Burg bildete die schon vorhandene Stadtmauer, der Eckturm der Stadtmauer fungierte zugleich als Südostturm dieser wohl größten damals errichteten gotischen Vierturmburg in den babenbergischen Ländern (16).
(16) KLAAR, Ein Beitrag zur Baugesch. d. mittelalterl. Burgin WN, in: Almamater Theresiana, Jb. 1962, S. 53–59 u. Jb. 1963, S. 52–59.
Ebenfalls Herzog Friedrich II. zu verdanken ist die Ansiedlung des Deutschen Ordens in Wiener Neustadt: Urkundlich ist der Orden hier erstmals 1245 erwähnt. Kirche und Ordenshaus wurden in der Nordostecke der Stadt gebaut und bildeten einen wichtigen Punkt der Stadtbefestigung (17). Jene Seite der Stadt, die als die gefährdetste angesehen wurde, schützten nun zwei mächtige wehrhafte Gebäude: die Burg und das Deutschordenshaus. – Nahe bei Wiener Neustadt, am Leithafluß, wurde im Sommer 1246 jene Schlacht geschlagen, bei der Herzog Friedrich II. ums Leben kam: Er fiel am 15. Juni 1246 im Kampf gegen die Ungarn (18).
(17) E. SCHÖN, Die Gesch. d. Deutschritterordens in WN, masch. phil. Diss. Wien (1963) S. 11.
(18) H. DIENST, Die Schlacht an der Leitha (Militärhistorische Schriftenreihe 19,1971) S. 11 ff.
Während der Herrschaft König Ottokars II. Przemysl in Österreich und in der Steiermark entwickelte sich die Stadt höchst gedeihlich: Die Neustädter legten dem neuen Landesherrn sowohl ihre alten echten als auch gefälschte Privilegien vor und erhielten sie von ihm bestätigt. Ottokar II. erwies sich als ein den Juden sehr wohlgesinnter Herrscher. So konnte sich in Ottokarischer Zeit die Neustädter Judengemeinde gut entwickeln. Die Juden, die im südwestlichen Stadtviertel siedelten – das Ghetto nahm hinter der die Westseite des Hauptplatzes bildenden Häuserreihe seinen Anfang – verfügten damals bereits über eine Synagoge (anstelle des heutigen Hauses Allerheiligenplatz Nr. 1 gelegen) sowie über einen Friedhof (19). Letzterer befand sich allerdings nicht innerhalb des Ghettos, sondern erstreckte sich außerhalb der südlichen Stadtmauer; der älteste erhaltene Grabstein von diesem Friedhof stammt vom Jahre 1252 (20).
(19) GERHARTL, WN, S. 30 ff.
(20) F. KOZAK, Der mittelalterl. Judenfriedhof in WN, in: Unser Neustadt, 1966/3, S. 3 f.
Bei dem 1254 zwischen Ottokar II. und König Béla IV. von Ungarn geschlossenen Frieden von Ofen wurden die Herzogtümer Österreich und Steiermark erstmals nach den natürlichen Grenzen geteilt. Damals ist das Gebiet von Wiener Neustadt und Neunkirchen sowie das Gutensteiner Tal nicht mehr dem Herzogtum Steiermark zugerechnet, sondern dem Herzogtum Österreich einverleibt worden – ein Umstand, der im Wiener Neustädter Stadtsiegel seinen Niederschlag fand: 1268 scheint hier im Siegelbild – und zwar zwischen den Türmen des zinnbekrönten Torbaues schwebend der österreichische Bindenschild auf (21).
(21) GERHARTL, WN, S. 33.
Ähnlich wie die Babenberger und der Przemyslide, zeigten sich auch die 1276 in Österreich an die Regierung gekommenen Habsburger der Stadt wohl gewogen: Von dem neuen Landesherrn, König Rudolf I., erhielten Neustadts Bürger 1277 ein stadtrechtähnliches Privileg (22). In die ersten Jahre der Regierungszeit König Rudolf I. fällt die Weihe der nunmehr endgültig fertiggestellten Pfarrkirche (Teilweihen müssen bereits für die Zeit des letzten Babenbergers angenommen werden und sind auch für das Jahr 1259 belegt): Sie wurde am 15. März 1279 zu Ehren der hl. Maria und des hl. Rupert geweiht (23). Bei der Pfarrkirche befand sich die bis in die Babenbergerzeit zurückzuverfolgende Stadtschule (24). Zu Anfang des 14. Jahrhunderts mag die wirtschaftliche Lage der Wiener Neustädter Bürger recht zufriedenstellend gewesen sein, erlaubte sie ihnen doch die Finanzierung des Baues eines neuen großen Chores für ihre erst wenige Jahrzehnte zuvor geweihte Pfarrkirche (25).
(22) Ebda., S. 37 ff.
(23) GERHARTL, Der Dom zu WN. (1979) S. 16 f.
(24) GERHARTL, WN, S. 20 u. 42.
(25) GERHARTL, Dom, S. 17 ff.
Die Wohlhabenheit der Wiener Neustädter Bürger basierte vor allem auf dem zu Anfang des 14. Jahrhunderts bereits ausgezeichnet florierendem Handel und Gewerbe. Die zahlreichen, in der Stadt seßhaften Handwerker bzw. ihre Erzeugnisse boten eine starke Anziehung für die Bevölkerung des Umlandes (26).
(26) GERHARTL, WN, S. 50 f.
Wenn auch in jenen Jahren zahlreiche Brände großen Schaden anrichteten, nahm die Stadt dennoch an Ausdehnung zu: 1314 wird eine im Süden gelegene, ca. 50–60 Häuser umfassende Vorstadt namens Gymelsdorf urkundlich genannt. Im Norden hatte sich an der wichtigen, von Wien nach dem Süden führenden Handelsstraße die bedeutende „Wiener Vorstadt” entwickelt: hier lag auch das der hl. Elisabeth geweihte Spital mit einem weitläufigen Garten (27). Im Nordosten erstreckte sich außerhalb der Mauer die Ansiedlung von Untertanen des Deutschen Ordens, 1316 wird eine vor dem östlichen Stadttor, dem Ungartor, gelegene Ansiedlung genannt. Ein östlicher Vorort war auch Zemendorf, in dem um 1340 eine St.-Marien-Kapelle mit einem Kaplan bestanden hatte. Eine große Ausdehnung scheint um diese Zeit die im Westen gelegene alte Vorstadt St. Ulrich erreicht zu haben. Auch die Vororte waren Anfang des 14. Jahrhunderts bereits von Mauern oder Zäunen umgeben. 1321 wird bereits zwischen äußeren und inneren Stadttoren unterschieden (28).
(27) Ebda., S. 59 f.
(28) Ebda., S. 51 ff,
Als 1379 die Herzöge Leopold III. und Albrecht III. im Zisterzienserkloster Neuberg a. d. Mürz eine Teilung ihrer Länder vornahmen, wurde die Stadt Wiener Neustadt dem inner- und vorderösterreichischen Länderkomplex zugeteilt und kam damit an Herzog Leopold III. Allerdings wurde das Wiener Neustädter-Neunkirchner Gebiet in der Folge keineswegs als Bestandteil der Steiermark behandelt, sondern hatte eine Sonderstellung inne (29). Mit der Neuberger Länderteilung und Leopold III. wird übrigens auch jene prachtvolle steinerne Säule in Verbindung gebracht, die in den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts im Norden von Wiener Neustadt außerhalb des Äußeren Wiener Tores errichtet worden war. Die sogenannte „Spinnerin am Kreuz” scheint jedoch eher eine Wegsäule gewesen zu sein, die ein Neustädter Bürgermeister und Stadtrichter gestiftet hatte (30). Nahe dem „stainern kreutz” vor dem Wiener Tor befand sich die Hinrichtungsstätte (31). 1401 wird das erste Mal das Wiener Neustädter Rathaus – an der Ecke Hauptplatz-Neunkirchner Straße – erwähnt (32).
(29) Ebda., S. 76 f.
(30) Ebda., S. 77 ff.
(31) Mitteilung von Herrn Univ. Prof. Dr. Gernot KOCHER, Graz.
(32) GERHARTL, Das WN.er Rathaus, in: Jb. f. LKNÖ N. F. 38 (1970) S. 296.
Schon seit der Babenbergerzeit haben Landesfürsten immerwiederfür längere Zeit in Wiener Neustadt Aufenthalt genommen – tatsächlich residiert hat aber hier doch erst der Habsburger Herzog Ernst „der Eiserne”: Nach Wiener Neustadt brachte Herzog Ernst 1412 seine ihm in Krakau angetraute Gemahlin Cimburgis von Masovien, hier wurden wahrscheinlich sieben der neun Kinder des herzoglichen Paares geboren. Ohne Zweifel war es die Burg, in der Ernst und Cimburgis Hof hielten. Nach dem Tode Ernsts des Eisernen 1424 blieb Herzogin Cimburgis mit ihren Kindern weiter in ihrer bisherigen Residenz wohnen. Der zum Vormund der Kinder seines verstorbenen Bruders bestellte Herzog Friedrich IV. von Tirol hielt sich nunmehr ebenfalls häufig in Wiener Neustadt auf. Er war nicht nur ein gewissenhafter Verwalter des ernestinischen Erbes, auch die Stadt hat ihm viel zu danken: so z. B. die Verleihung von Grundbuch und Grundsiegel (1426). Cimburgis hatte 1425 gegenüber der Burg gelegene Hofstätten und Häuser erworben, die sie nun umgestalten und als Witwensitz für sich ausbauen ließ. Dieser Witwensitz lag in unmittelbarer Nähe des Neunkirchner Tores und war vielleicht mit ein Grund, daß 1427 vor diesem Stadttor ein großes Vorwerk zum Schutz des südöstlichen Stadtrandes errichtet wurde (33).
(33) GERHARTL, WN als Residenz, in: Katalog „Friedrich III.-Kaiserresidenz WN” (1966) S. 104 ff.
Außerhalb der Stadtmauer ist in jener Zeit auch ein eigenes Seuchenspital gebaut worden: Das 1430 erstmals genannte, den Aussätzigen als Unterkunft dienende „Sundersiechenhaus” lag im Norden der Stadt, und zwar vor dem Äußeren Wiener Tor bei der St.-Markus-Kapelle (34).
(34) GERHARTL, WN, S. 93 ff.
Mit der Entlassung Herzog Friedrichs V. (des zukünftigen Kaisers Friedrich III.) aus der Vormundschaft seines Oheims Friedrich IV. von Tirol im Jahre 1435 beginnt für die Stadt eine Zeit der Blüte: Der junge Landesfürst bevorzugte noch in weitaus stärkerem Maße als sein Vater Wiener Neustadt als Residenz und ließ ihr größtmögliche Förderung angedeihen. Noch im Jahre 1437 wurde auf Befehl Friedrichs mit dem Ausbau und der Vergrößerung der Wiener Neustädter Burg begonnen. Wie in der Burg so herrschte auch in der übrigen Stadt eine lebhafte Bautätigkeit, wobei besonderes Augenmerk den Befestigungsanlagen geschenkt wurde. Im April 1440 ließ Herzog Friedrich V. einer glänzenden Versammlung in der Wiener Neustädter Pfarrkirche verkünden, daß er bereit sei, die Wahl zum römischen König anzunehmen. 1444 hielten auf Wunsch Friedrichs Zisterzienser aus dem Stift Rein in Wiener Neustadt Einzug: Die Dominikaner hatten ihr bisheriges Kloster an der östlichen Stadtmauer („Neukloster”) verlassen und waren dafür mit dem Dominikanerinnenkloster St. Peter a. d. Sperr entschädigt worden (dessen Bewohnerinnen nach Wien übersiedelten). Auf den frommen Habsburger geht auch die Gründung eines Stiftes weltlicher Chorherren (1444) und eines Stiftes regulierter Chorherren (1459) zurück sowie die Gründung eines Paulinerklosters (1480). Nach der 1452 in Rom erfolgten Kaiserkrönung und Hochzeit führte Kaiser Friedrich III. noch im selben Jahr seine Gemahlin Eleonora von Portugal nach Wiener Neustadt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, verbrachte die Kaiserin hier den Rest ihres Lebens. In der Wiener Neustädter Burg wurden vier der fünf Kinder des kaiserlichen Paares geboren, darunter auch der zukünftige Kaiser Maximilian I. (1459).
In den fünfziger Jahren ist die in den Westtrakt der Burg eingebaute, mit der berühmten Wappenwand geschmückte Georgskirche fertiggestellt worden. Den im Osten an den Burgkomplex anschließenden Tiergarten („tendlgarten”) ließ der Kaiser 1446–1455 mit einer Mauer umgeben; ein Arm des Kehrbaches durchfloß nun diesen Tiergarten, der nicht nur als Jagdgebiet diente, sondern berühmt war ob seiner prächtigen Gartenanlagen, die des Kaisers Sekretär Äneas Silvius (der spätere Papst Pius II.) mit den Gärten der Hesperiden verglich. Der Kaiser hatte aber auch außerhalb der Burg Besitzungen, und zwar vor allem im östlichen Stadtviertel, dem sogenannten „Deutschherrenviertel” (Die Viertelbezeichnungen „Deutschherrenviertel” für den Nordosten der Stadt, „Liebfrauenviertel” für den Südwesten, „Minderbrüderviertel” für den Nordwesten und „Dreifaltigkeitsviertel” für den Südosten sind bei der Anlage des Grundbuches im Jahre 1426 bereits durchaus üblich.). Hier befanden sich die Marställe des Kaisers und der Kaiserin, das von den kaiserlichen Falknern bewohnte Vogelhaus, die kaiserliche Mühle und der Renthof, von dem aus der kaiserliche Grundbesitz in der Umgebung der Stadt verwaltet wurde. Das „Harnischhaus” (Zeughaus) lag ebenso wie die Burg selbst im Dreifaltigkeitsviertel. (35).
(35) GERHARTL (wie Anm. 33) S. 107 ff.
Die häufige Anwesenheit des Kaisers brachte es mit sich, daß sich auch der Adel in Wiener Neustadt ankaufte, Kirchenfürsten hier Hausbesitz erwarben und zahlreiche Künstler – die Aufträge vom kaiserlichen Hof zu erwarten hatten – zuzogen. Die vornehmste Wohngegend war ohne Zweifel die nahe der Burg verlaufende Neunkirchner Straße – wie überhaupt im Dreifaltigkeitsviertel und im Deutschherrenviertel der kaiserliche Besitz dominierte. Im Liebfrauenviertel waren die Häuser der Geistlichkeit vorherrschend. Als bürgerlichstes Wohnviertel galt das nach dem Minoritenkloster benannte „Minderbrüderviertel”, dessen Nordteil – zumindest im 15. Jahrhundert – das Ghetto bildete (36). Die hiesige Judengemeinde erlebte während der Regierungszeit des ihr äußerst wohlgesinnten Friedrich III. eine Glanzperiode. Nach Wien beherbergte Wiener Neustadt die größte jüdische Gemeinde in Österreich; es gab hier eine Hauptsynagoge und mehrere kleinere Synagogen und Talmudschulen, ein eigenes Judenspital, einen jüdischen Friedhof, ein rituelles Bad und eine jüdische Fleischbank. 1453 wurde für die immer mehr an Ausdehnung zunehmende jüdische Gemeinde ein eigenes Grundbuch, das „Juden-Gewerbuch”, angelegt (37).
(36) MAYER (wie Anm. 1) II. Bd., Tafel VII: Topographie der Inneren Stadt.
(37) GERHARTL, WN, S. 137 f.
Die kriegerischen Unternehmungen in den frühen fünfziger Jahren des 15. Jahrhunderts hatten Kaiser Friedrichs III. Geldbedarf gewaltig zunehmen lassen. Die Wiederbelebung der landesfürstlichen Münzstätte in Wiener Neustadt scheint damit in engem Zusammenhang zu stehen.
Anläßlich des zweiten Romzuges, den Friedrich III. im Jahre 1468 unternahm, erhielt er die päpstliche Zustimmung für die Errichtung eines Bistums in Wiener Neustadt. Erster Bischof dieses mit Bulle vom 18. Jänner 1469 bestätigten Bistums wurde der bisherige Chorherrenpropst Peter Engelbrecht (1477–1491). Das Bistum war flächenmäßig allerdings sehr klein und entsprach in seiner Ausdehnung ungefähr dem Stadtgebiet. Es wurde aus dem Salzburger Diözesanverband gelöst und somit der Jurisdiktion des Erzbischofs von Salzburg entzogen; das Patronatsrecht ist dem Kaiser und seinen Nachfolgern zugestanden worden (39). Im Jahre 1479 übersiedelte auch der von Friedrich III. 1466 (bestätigt durch den Papst 1469) gegründete St.-Georgs-Ritterorden von Millstatt nach Wiener Neustadt. (40).
(39) P. SCHLEICHER, Die Bistumsgründungen Kaiser Friedrichs III., masch. phil. Diss. Graz (1970) S. 73 ff. u. GERHARTL, Peter Engelbrecht von Passail, in: Veröff. d. Steiermark. Landesarchives 12 (1981) S. 179 ff.
(40) W. WINKELBAUER, Der St. Georgs-Ritterorden Friedrichs III., masch. phil. Diss. Wien (1949).
Die Glanzperiode als Kaiserresidenz ging in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts zu Ende: Der zwischen ihm und dem Ungarnkönig Matthias Corvinus herrschende Kriegszustand bewog Friedrich III., die Stadt zu verlassen und sich nach Linz zurückzuziehen. Mit ihm verließen auch sein Hofstaat sowie der hier ansässige Adel die Stadt. Nach einer nahezu zwei Jahre dauernden Belagerung gelang den Ungarn am 17. August 1487 die Einnahme der von den Bürgern sowie von kaiserlichen Truppen so tapfer verteidigten ehemaligen Kaiserresidenz. Drei Jahre blieb Wiener Neustadt nun unter ungarischer Herrschaft; erst als König Matthias Corvinus 1490 in Wien starb, konnte der Kaisersohn Maximilian I. die von den Ungarn besetzten Gebiete wieder zurückgewinnen (41). Die Stadt hatte unter der langen Belagerung durch die Ungarn schwer gelitten: Befestigungsanlagen und Häuser wiesen durch den Beschuß arge Schäden auf, die Wirtschaft lag darnieder. Nun fügte auch noch der Tod Friedrichs III. im Jahre 1493 der Stadt schweren Schaden zu; mit ihm hatte die Neustadt ihren großen Gönner verloren – sein Sohn und Nachfolger Maximilian I. dachte nicht daran, hier, in seiner Vaterstadt, seine Residenz aufzuschlagen. In Wiener Neustadt nahm die bereits angesichts der drohenden ungarischen Belagerung begonnene Abwanderung der Bürger und Einwohner ihren Lauf, und es gelang auch den Bemühungen Maximilians I. nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Einem 1496 von Maximilian I. erlassenen Befehl zufolge wurden dagegen die hiesigen Juden (ebenso wie jene der übrigen Steiermark und Kärntens) gezwungen auszuwandern. Es blieb ihnen allerdings genügend Zeit, um ihren Hausbesitz an Christen (die von dieser günstigen Gelegenheit eifrig Gebrauch machten) zu verkaufen. Die Hauptsynagoge fiel ebenso wie der außerhalb der südlichen Stadtmauer gelegene jüdische Friedhof an den Landesfürsten, der jedoch die Synagoge der Stadt überließ. Die zu einer Kirche umgestaltete Synagoge wurde 1497 zu Ehren Aller Heiligen geweiht. Im Jahre 1500 hatten schließlich die letzten jüdischen Auswanderer Wiener Neustadt verlassen und in Eisenstadt und Marchegg Zuflucht gesucht – es sollten 200 Jahre vergehen, ehe wieder Juden in der Stadt Aufenthalt nehmen durften (42).
(41) GERHARTL, WN. S. 175 ff.
(42) Ebda., S. 188 ff. u. 308.
Maximilian I. kehrte erst als Toter wieder in seine Vaterstadt zurück: Am 27. Jänner 1519 wurde sein Leichnam in der St.-Georgs-Kirche der Wiener Neustädter Burg beigesetzt (43). Nach dem Tode des Kaisers war Wiener Neustadt für kurze Zeit (1519–1522) noch einmal „Regierungssitz”: Hierher begab sich von Wien (wo sich entgegen den im Testament des Kaisers enthaltenen Bestimmungen eine neue ständische Regierung etabliert hatte) das alte Regiment und wartete die Ankunft des noch in Spanien weilenden neuen Landesfürsten ab. Erzherzog Ferdinand I. traf am 10. Juli 1522 in Wiener Neustadt ein, wo der von ihm eingesetzte Gerichtshof nun über das Schicksal der Mitglieder der neuen Regierung entschied. Am 23. Juli 1522 wurde das Urteil verkündet, das für die „Haupträdelsführer” der neuen Landesordnung – an ihrer Spitze stand der Wiener Bürgermeister Dr. Martin Siebenbürger – den Tod bedeutete. Die Hinrichtung von sieben Verurteilten fand auf dem Wiener Neustädter Hauptplatz statt (44).
(43) J. K. MAYR, Das Grab Kaiser Maximilians I., in: MÖStA 3 (1950) S. 470 ff.
(44) H. LAHODA, Der Ständekampf nach dem Tode Maximilians I. bis zu seiner Beendigung im Blutgericht von WN, masch. phil. Diss. Wien (1949).
Bereits vor dem „Neustädter Blutgericht” hatte Ferdinand I. begonnen, Vorkehrungen gegen die die habsburgischen Erblande bedrohende Türkengefahr zu treffen. Besonders scheint er sich um die so nahe der Grenze gegen Ungarn gelegene Stadt Wiener Neustadt gesorgt zu haben: Noch im September 1521 ergeht der Befehl, die Stadt, die Ferdinand I. als „Schlüssel und Herz unseres Hauses Österreich” bezeichnete, gegen die Türken in Verteidigungszustand zu setzen. Auf den Erzherzog geht wohl auch die Anordnung zurück, ein neues Zeughaus zu erbauen. 1524 wurde anstelle eines gegenüber der Burg gelegenen Häuserblocks das im Renaissancestil errichtete weitläufige Gebäude fertiggestellt. Bereits im Vorjahr waren Vorschläge für die Verbesserung der Befestigungsanlagen gemacht worden. Die Kommission hatte empfohlen, alle von der Stadt in einer Entfernung von einer halben Meile gelegenen Vorstädte, Kirchen und Bollwerke zu schleifen, Bäume umzuschneiden und Gräben zuzuschütten, um dem Feind keine Möglichkeit zu geben, sich zu verschanzen oder Deckung zu suchen (45). Jedenfalls hat sich die Stadt trotz ihrer exponierten Lage während der Zeit der Bedrängnis durch die Türken sehr gut gehalten und wurde nicht eingenommen: Es waren allerdings auch keine auf Belagerung eingerichtete türkische Truppen, die 1529, 1532 und zuletzt 1683 vor den Mauern von Wiener Neustadt aufmarschierten, sondern Streifscharen, deren Aufgabe eher in der Beunruhigung der Bevölkerung durch kleine Geplänkel, Raubzüge, Brandschatzungen etc. bestand (46). Am empfindlichsten hatten die Insassen des Bürgerspitals unter der Bedrohung der Stadt durch die Türken gelitten: Das außerhalb der Stadtmauer gelegene Spital war im Zuge der Schleifung der Vorstädte demoliert worden und die Stadtarmen mußten nun jahrelang in höchst unzulänglichen Notunterkünften auf die Zuweisung eines ihren Bedürfnissen entsprechenden Gebäudes warten. Erst im Jahre 1545 entschloß sich die Stadtverwaltung zur Erwerbung einer auf der Westseite des Domplatzes gelegenen Öde, um hier einen Neubau für das Bürgerspital zu errichten (47).
(45) GERHARTL, WN, S. 208 ff.
(46) Ebda., S. 217 ff., 222 f. u. 296 ff.
(47) A. LECHNER, Das WN.er Bürgerspital während des Mittelalters u. der frühen Neuzeit, masch. phil. Diss. Wien (1965) S. 148 f. u. 154 f.
In den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts fand die Lehre Martin Luthers auch in Wiener Neustadt Eingang und beeindruckte nicht nur die Laien, sondern auch die Geistlichkeit. Es waren vor allem die Augustiner-Chorherren des außerhalb der westlichen Stadtmauer gelegenen Klosters St. Ulrich, die sich gegenüber der neuen Lehre höchst aufgeschlossen zeigten. Auf die Klosterzucht wirkte die neue Lehre höchst ungünstig ein; so verödeten allmählich das Kloster der Dominikaner bei St. Peter a. d. Sperr sowie jenes der Minoriten. Am besten überstand das Zisterzienserstift Neukloster die Reformationszeit (48).
(48) J. FRANZL, Studien zur Gesch. d. Protestantismus in WN, masch. phil. Diss. Wien (1974) S. 5 ff.
Nach den Jahren der Bedrohung durch die Türken nahm Mitte des 16. Jahrhunderts die Bautätigkeit in der Stadt wieder beachtlich zu; ein Zustrom an „welschen” Baumeistern und Steinmetzen setzte ein. die nun das Stadtbild durch ansehnliche Neubauten im Stile der Renaissance prägten: Es entstanden das neue Bürgerspital, ein neues bürgerliches Zeughaus, ein neues Amtshaus, Mühlen und Fleischbänke; das Rathaus wurde im Geschmack der Zeit weitgehend umgestaltet, desgleichen die Türme der Stadttore. An den Befestigungsanlagen wurden wichtige Ergänzungen vorgenommen und zahlreiche Bürgerhäuser neu errichtet (49). Ein arger Rückschlag in dem Aufschwung, den die Stadt auf wirtschaftlichem Gebiet Mitte des 16. Jahrhunderts nahm, mag die Pestepidemie der Jahre 1562/63 gewesen sein, die Opfer in großer Zahl forderte (50).
(49) MAYER (wie Anm. 1)111. Bd., S. 200 ff.
(50) GERHARTL, WN, S. 240 f.
Im Jahre 1588 wurde der spätere Kardinal Melchior Khlesl – der sich bereits ob seiner erfolgreichen Rekatholisierungsversuche einen Namen gemacht hatte – zum Administrator des Bistums Wiener Neustadt bestellt. Auch hier war Khlesl als Gegenreformator Erfolg beschieden: Trotz anfänglicher Schwierigkeiten gelang es ihm binnen kürzester Zeit, die Wiener Neustädter wieder katholisch zu machen. Allerdings mußten 41 Bürger und Inwohner, die von der evangelischen Religion nicht lassen wollten, Haus und Hof verkaufen und aus der Stadt ziehen (51). Der Schaden, der der Stadt durch den Verlust so vieler tüchtiger Handelsleute und Handwerker erwuchs, war gewaltig und bei einer Einwohnerzahl von rund 3.000–4.000 Personen (52) empfindlich spürbar.
(51) FRANZL (wie Anm. 48) S. 147 ff.
(52) F. BODO, WN. Ein Überblick über die Bevölkerungsbewegung u. Herkunft der Bevölkerung, in: Jb. f. LKNÖ N. F. 32, 1955/56 (1958) S. 349 ff.
Zu Ende des 16. Jahrhunderts war Wiener Neustadt noch einmal – wenn auch nur für kurze Zeit – fürstliche Residenz: Für den Bruder Rudolfs II., Erzherzog Maximilian III., Hochmeister des Deutschen Ordens, war 1595 die Wiener Neustädter Burg großzügig instandgesetzt und reich ausgestattet worden; 1596 hielt Maximilian III. in seiner Residenz Einzug (53).
(53) GERHARTL, WN, S. 258 ff. u. 263 f.
In den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts machte Wiener Neustadt das erste Mal als ein Zentrum der „Rüstungsindustrie” von sich reden: 1656/57 wurde in der Stadt eine staatliche Armaturwerkstätte errichtet und dazu für ihr Können berühmte Armaturmeister aus den Niederlanden angeworben. Zur Unterbringung der 17 Meister und 36 Gesellen sowie ihrer Familien wurden die beiden großen, in der Keßlergasse gelegenen einstigen Freihäuser des 1598 aufgehobenen St.-Georgs-Ritterordens adaptiert (54).
(54) POSCH, Die niederländische Armaturmeisterschaft in WN, in: UH 21 (1950) S. 46 ff.
Die immer wieder auftretenden Pestepidemien machten Anfang des 18. Jahrhunderts den Bau eines Kontumazhauses unbedingt erforderlich. 1714 wurde ein über 10 Zimmer verfügendes, dafür bestimmtes Gebäude vor der östlichen Stadtmauer errichtet (57).
(57) F. C. BOEHEIM'S Chronik v. WN. 2. Auflage (1863) I, S. 275 ff.
Nach erfolgreich abgeschlossener Gegenreformation kam es in Wiener Neustadt im Laufe des 17. Jahrhunderts wieder zu Klostergründungen. So wurde 1623 dem Kapuzinerorden das von den Mönchen verlassene Minoritenkloster im südwestlichen Stadtviertel übergeben und die Kapuziner bauten nun Kloster und Kirchenruine der Minoriten ihren bescheidenen Bedürfnissen entsprechend aus. Im März 1665 hielten Karmeliterinnen in Wiener Neustadt Einzug und ließen bereits 1668 mit dem Bau eines Klosters und einer Kirche in der damaligen Neugasse (heute Herzog-Leopold-Straße) beginnen. Um das Problem der Beichtväter für die Karmeliterinnen zu lösen, hatten 1665 Karmeliter die Erlaubnis erhalten, sich in der Stadt niederzulassen. Sie erwarben 1673 im Tauschwege das durch den großen Brand von 1608 schwer in Mitleidenschaft gezogene Deutschordenshaus und gaben dafür ein sich in ihrem Besitz befindliches kleineres, aber gut erhaltenes Gebäude in der Brüdergasse (später Bahngasse). Kirche und Kloster der Barfüßigen Karmeliter wurden anstelle des Deutschordenshauses von Grund auf neu gebaut (55). Von größter Bedeutung für Wiener Neustadt war die 1666 vorgenommene Gründung eines Jesuitenkollegs, dem ein Gymnasium angeschlossen war. Jesuitenkolleg und Jesuitenkirche wurden in der Neunkirchner Straße gebaut: Ein großzügiges Vermächtnis des Erzherzogs Leopold Wilhelm ermöglichte es den Jesuiten, sich in der vornehmsten Wohngegend der Stadt anzusiedeln (56).
(55) GERHARTL, WN, S. 269 ff., 277 ff., 282 u. 2900
(56) P. E. ZAK, Beiträge zur 300 jährigen Gesch. d. WN. er Gymnasiums, in: FS. des Bundesgymnasiums in WN anläßlich des 300 jährigen Bestandes (1966) S. 30 ff.
Der letzte barocke Kirchen- und Klosterbau ist im Jahre 1745 geweiht worden: Es handelte sich dabei um die in der Wiener Vorstadt, in unmittelbarer Nähe des Äußeren Wiener Tores, errichtete Kirche und Residenz der Jesuiten. Diese dem hl. Leopold geweihte Kirche und die daran anschließende, sehr groß dimensionierte „Residenz” (Pfarrhof) war die Stiftung einer Familie von getauften Türken – der Freiherrn von Zungaberg (Csonkabég) (58).
(58) F. POKORNY, Stiftung der Vorstadtkirche „Zum hl. Leopold” durch eine vormalige türkische, danach getaufte Familie. (WN 1903) u. K. TEPLY, Mehmed Colak Beg-Leopold Freiherr von Zungenberg; in: MIÖG 80 (1972) S. 125 ff.
Von größter Bedeutung für die Stadt erwies sich der 1751 gefaßte Entschluß Maria Theresias, eine Militärakademie zu gründen und zu deren Unterbringung die von der kaiserlichen Familie höchst selten bewohnte Burg zu Wiener Neustadt zu bestimmen. Die Militärakademie, in der 1752 der Unterricht aufgenommen wurde, hob nicht nur das Ansehen und die Bedeutung Wiener Neustadts, sondern kam der Stadt, die sich zu Anfang des 18. Jahrhunderts auf einem Tiefpunkt ihrer Entwicklung befand, auch wirtschaftlich sehr zugute (59). Das schwere Erdbeben, das die Stadt 1768 erschütterte, richtete vor allem an der alten Kaiserburg großen Schaden an und stellte schon kurze Zeit nach der Gründung den Fortbestand der Militärakademie in Frage: Auf Empfehlung des Hofarchitekten Pacassi sollte die Wiener Neustädter Burg nicht mehr aufgebaut, sondern als Ersatz in Wien ein Neubau für die Militärakademie geschaffen werden. Maria Theresia wünschte jedoch keine Verlegung der Akademie, worauf die Burg – allerdings unter Verzicht auf die Wiederherstellung der drei eingestürzten Ecktürme – wiederhergestellt wurde (60).
(59) GERHARTL, Katalog der Ausstellung „WN-Festung, Residenz, Garnison”. (1972) S. 59.
(60) J. JOBST, Die Neustädter Burg und die k. k. Theresianische Militärakademie. (1908) S. 77 ff.
Der Entschluß Kaiser Josephs II., alle Klöster aufzuheben, „die zum Besten der Gesellschaft nichts Sichtbares leisten”, verringerte auch in Wiener Neustadt die Zahl der Klöster empfindlich: Nach dem Jesuitenkolleg und der Jesuitenresidenz in der Wiener Vorstadt – die bereits kurz nach dem von Maria Theresia 1773 verlautbarten Dekret über die Auflösung des Jesuitenordens liquidiert worden war (61) – kam es 1782–1784 zur Aufhebung der Klöster der Karmeliterinnen, der Karmeliter und der Pauliner. Nur mit Mühe gelang es dem Wiener Neustädter Bischof Kerens, die Schließung des hiesigen Kapuzinerklosters zu verhindern. Um der Aufhebung zu entgehen, erklärte sich das Zisterzienserstift Neukloster bereit, die Seelsorge für die Hälfte der Bewohner der Stadt zu übernehmen: 1784 wurde die Pfarre Neukloster als zweite Pfarre in der Stadt errichtet (62). Die nun leerstehenden geräumigen Kloster- und Kirchengebäude sind jedoch binnen kürzester Zeit neuen Verwendungszwecken zugeführt worden: Das von der Stadtverwaltung erworbene Karmeliterinnenkloster erhielt das Ärar als Erziehungshaus für die Knaben des Infanterieregiments Hoch- und Deutschmeister zur Verfügung gestellt; letztgenanntem Regiment war auch das Paulinerkloster als Kaserne zugewiesen worden. In der ehemaligen Jesuitenresidenz in der Wiener Vorstadt wurde 1783 ein Militärspital eingerichtet. Das Karmeliterkloster überließ Joseph II. 1787 unentgeltlich dem Elsässer Christoph Andrä und dessen Partner Carl Friedrich Bräunlich zur Errichtung einer „Sammet-, Seiden- und Florettfabrik”; das ehemalige Jesuitenkolleg in der Neunkirchner Straße gelangte 1786/87 an den Seidenfabrikanten Markus Hengel bzw. an die Firma Graf Fries u. Co. (63). Damit war der Grundstein für die zukünftige Industriestadt gelegt.
(61) GERHARTL, WN, S. 336 f.
(62) Ebda., S. 343 ff.
(63) Ebda., S. 342 f. u. 350 ff.-Vgl. auch S. FUCHS, Die in NÖ unter Joseph II. aufgehobenen Klöster im Hinblick auf ihre Weiterverwendung, masch. phil. Diss. Wien (1967) S. 109 ff. sowie J. SCHMIDT, Die Anfänge der Industriestadt WN zur Zeit Josephs II, masch. phil. Diss. Wien (1979).
Aber auch für gesellige Zwecke fanden ehemalige Kirchen Verwendung: So wurde 1783 aus der Paulinerkirche ein Redoutensaal, und 1793/94 ist die Kirche der Karmeliterinnen als Stadttheater adaptiert worden (64). Noch in die Regierungszeit Josephs II. fällt die Verlegung des Bistums von Wiener Neustadt nach St. Pölten: Die Transferierung wurde 1784 kundgemacht; die päpstliche Errichtungsbulle für das Bistum St. Pölten, an dessen Spitze nun Wiener Neustadts letzter Bischof Johann Heinrich von Kerens gestellt wurde, datiert von 1785. In Wiener Neustadt wurde anstelle des Bistums eine Propsteipfarre errichtet (65).
(64) GERHARTL, WN, S. 354.
(65) GERHARTL, Dom, S. 37 f.
Von größter Bedeutung für das Wirtschaftsleben der Stadt war der Bau des Wiener Neustädter Schiffahrtskanals. Dieser nach Plänen des Oberstleutnants Ing. Sebastian von Maillard 1797–1803 gebaute Kanal sollte Wien mit Triest verbinden und den billigen Transport von Brennstoffen wie Baumaterial gewährleisten. Der Kanal wurde zunächst bis nach Wiener Neustadt geführt. Hier endete er in dem 1803 fertiggestellten Kanalhafen (für dessen Anlage es notwendig gewesen war, die Bastei beim Ungartor zu demolieren und den Stadtgraben in diesem Bereich zuzuschütten). Der Wiener Neustädter Schiffahrtskanal wurde am 12. Mai 1803 in Betrieb genommen; 1810 begannen die Bauarbeiten für ein weiteres Teilstück, das von hier bis zu den Steinkohlengruben bei Pöttsching reichen sollte; der weitere Ausbau scheiterte jedoch an der ablehnenden Haltung der ungarischen Grundbesitzer (66).
(66) V. E. RIEBE, Der WN.er Schiffahrtskanal. (1936).
Die mehrmalige Besetzung der Stadt durch die Franzosen (1805/06 und 1809) beeinträchtigte den wirtschaftlichen Aufschwung, den Wiener Neustadt nun nahm, kaum merklich. Die in der Stadt angesiedelte Industrie – neben den Textilfabriken vor allem die Zuckerraffinerie des Friedrich Wilhelm Trenter – gedieh ausgezeichnet (67).
(67) E. WURM-E. STÖCKLMAYER, Industrie im Raum WN (Schriftenreihe der Handelskammer NÖ 9, 1970) S. 44 ff.
Auf Felix Mießl, den Wiener Neustädter Bürgermeister mit der längsten Amtszeit (1816–1848), geht die Gründung des nach ihm benannten Ortes Felixdorf auf der Heide nördlich von Wiener Neustadt zurück. Der karge Steinfeldboden hätte die Siedler – die ersten kamen 1821 – allerdings kaum ernähren können. Brot und Arbeit gaben ihnen die kurz darauf hier etablierten Baumwollgespinstfabriken. Felixdorf schied erst 1888 aus dem Wiener Neustädter Gemeindeverband (68).
(68) A. G. ABSENGER, 150 Jahre Felixdorf. Eine chronikartige Geschichtsdarstellung, in: FS. „150 Jahre Felixdorf 1822–1972” (1972).
Am 8. September 1834 verwüstete eine Brandkatastrophe größten Ausmaßes die Stadt; von den Bürgerhäusern brannten 500 vollkommen aus, 47 Todesopfer waren zu beklagen. Der Wiederaufbau – bei dem nun strenge Bauvorschriften zu beachten waren – ging jedoch sehr rasch vonstatten (69). 1837 erhielten die Wiener Neustädter Protestanten die Erlaubnis für die Adaptierung eines Gebäudes am Allerheiligenplatz (ehemalige Synagoge) als Bethaus.
(69) ABSENGER, Felix Mießl, Edler von Treuenstadt, Bürgermeister v. WN (1816–1848), masch. phil. Diss. Wien (1963) S. 100–150.
Der Bau der Bahnverbindung nach Wien (diese Strecke wurde 1841 das erste Mal kommissionell befahren) und weiter bis Gloggnitz erwies sich bald als gefährliche Konkurrenz für den Wiener Neustädter Schiffahrtskanal; der sich aus dem Eisenbahnbau ergebende große Bedarf an Lokomotiven hatte jedoch in Wiener Neustadt die Gründung einer Fabrik zufolge, die bald zu einem überaus wichtigen wirtschaftlichen Faktor wurde: die 1842 im Nordosten der Stadt auf dem Gelände einer alten Gewehrschleiferei errichtete Wiener Neustädter Lokomotivfabrik (70).
(70) WURM-STÖCKLMAYER (wie Anm. 67) S. 30 ff.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erreichten die „Fortschrittlichen” in der Stadtverwaltung die Schleifung eines Teiles der alten Befestigungsanlagen: Anstelle des 1846 abgetragenen südwestlichen Vorwerks der „Grübelschanze”, ferner durch Abtragung der Zeughausbastei und des Äußeren Neunkirchner Tores im Süden sowie durch Zuschüttung des Wassergrabens bei der Burg im Jahre 1851 entstand eine ansehnliche Promenade. Anfang der sechziger Jahre war auch die Demolierung der Stadttore nicht mehr zu verhindern (71).
(71) GERHARTL, WN, S. 390, 397 f. u. 405.
Wiener Neustadt entwickelte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte nicht nur zu einem Industriezentrum ersten Ranges. Durch die Gründung einer NÖ. Landes-Oberrealschule und einer Fachschule für Maschinenwesen (1863), einer 3 klassigen Gremial-Handelsschule, der Umwandlung des Zisterziensergymnasiums in ein Staatsgymnasium (1871), ferner durch die Gründung eines Landes-Lehrerseminars (1872 bzw. 1876) sowie durch entsprechende monumentale Neubauten für diese Unterrichtsanstalten erwarb sich Wiener Neustadt auch als Schulstadt hohes Ansehen (72). Der Bedeutung der Stadt wurde das Gesetz vom 8. August 1866 gerecht, mit dem ihr das Gemeindestatut und damit das Recht der Landesunmittelbarkeit verliehen wurde (73).
(72) L. BAUER, Das Schulwesen WN.s von 1850–1914, masch. phil. Diss. Wien (1972).
(73) GERHARTL, WN, S. 410 f.
Vor allem der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wiener Neustadt zahlenmäßig bereits sehr stark vertretenden Industriearbeiterschaft kam das Bauvorhaben der 1868 gegründeten „Arbeiter-Bau-Assoziation” zugute: Zu günstigen Bedingungen konnten Mitglieder dieser Gesellschaft Heidegrund im Nordwesten der Stadt erwerben und darauf bescheidene kleine Häuser (Zwischen 1870–1874 entstanden hier mehr als 50 Einfamilienhäuser.) errichten. Dieser neben der alten „Wiener Vorstadt” entstandene neue Stadtbezirk erhielt den Namen „Josefstadt” (74).
(74) Dir. KINNER, Wie die Josefstadt entstand, in: Unser Neustadt, 1963/1 S. 1 ff. u. 1963/2, S. 1 ff. u. K FLANNER, Julius Kinner-der Erbauer der Josefstadt, in: Amtsblatt der Statutarstadt WN, 1977, Nr. 2, S. 30.
Ein wichtiger Neubau war aber auch jener des Krankenhauses, das am Corvinusring entstand und 1889 seiner Bestimmung übergeben wurde. Überhaupt ist die Ära des Bürgermeisters Franz Kammann (1897–1913), der gerne als der „Wiener Neustädter Lueger” bezeichnet wird, durch eine überaus rege Bautätigkeit gekennzeichnet. Neben Bauwerken im zivilen Bereich (Ein moderner Schlachthof entstand 1899–1901 im Süden der Stadt, eine Doppelvolksschule in der Josefstadt 1902, die 2. NÖ. Landes-Taubstummenanstalt 1902/03 im Zehnerviertel, der Bürgerhof in der Bahngasse 1901/02, Infektionsspital und Sanatorium wurden 1904 bzw. 1906 vollendet, der Posthof 1908, der Wasserturm 1910 und der Neubau für die Evangelische Kirche 1911 fertiggestellt.) sind es vor allem Kasernenneubauten, die dem Norden der Stadt das Gepräge gaben. Truppenkörper aller Waffengattungen waren in Wiener Neustadt stationiert, und die Stadt entwickelte sich zu einer Garnison ersten Ranges. Anläßlich des Regierungsjubiläums des Kaisers im Jahre 1898 errichtete die Stadt in der Ungargasse ein modernes Truppenspital und übergab es der Militärverwaltung. An der Wöllersdorfer Straße entstanden 1903/04 die „Kaiser-Franz-Josephs-Kavalleriekaserne” sowie eine Reitschule und 1909–1911 an der Fischauer Gasse eine Artillerie-Kaserne. Daß im Jahre 1916 in Wiener Neustadt die erste Fliegerkaserne in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie ihrer Bestimmung übergeben werden konnte, kam nicht von ungefähr, war in Wiener Neustadt doch das erste offizielle österreichische Flugfeld angelegt worden, für das die Stadtverwaltung 1909 Grundstücke an der Wöllersdorfer Straße zur Verfügung gestellt und Hangars hatte errichten lassen. Nicht nur für Aviatiker, auch für Automobilisten war Wiener Neustadt zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein Begriff; und zwar seit an der Spitze der Daimler-Werke (hervorgegangen aus der an der Pottendorfer Straße gelegenen Maschinenfabrik der Gebrüder Fischer) der geniale Konstrukteur Ferdinand Porsche stand. Enge Zusammenarbeit verband die Daimler-Werke mit der 1909 gegründeten Wiener Neustädter Flugzeugfabrik (75).
(75) I. ZELENKA, Bürgermeister Franz Kammann u. die Deutschnationalen in WN, masch. phil. Diss. Wien (1973).
Im Ersten Weltkrieg eines der bedeutendsten Rüstungszentren der Monarchie, hatte Wiener Neustadt nach Kriegsende unter den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des nunmehr so klein gewordenen Österreich besonders zu leiden. Für Fabriken in der Größenordnung der Lokomotivfabrik, der Daimler-Werke, der Flugzeugfabrik fehlte es an Absatzgebieten – sie mußten stillgelegt werden (76).
(76) GERHARTL, WN, S. 473 f. u. 483 ff.
Die Stadt abermals zu einem Zentrum der Rüstungsindustrie auszubauen, war das Anliegen der nationalsozialistischen Regierung in Berlin, die dieses Vorhaben auch bald nach dem „Anschluß” Österreichs an das Deutsche Reich zu verwirklichen begann. Aus den Wiener Neustädter Flugzeugwerken stammte 1942 bereits die Hälfte der Gesamtproduktion an Jagdflugzeugen (Me 109) im Deutschen Reich, und die 1942 in der stillgelegten Lokomotivfabrik etablierten „Rax-Werke” wurden zum größten Lokomotiv-Tenderwerk des Deutschen Reiches ausgebaut. Hatte Wiener Neustadt im Jahre 1938 noch ca. 37.000 Einwohner gezählt, so stieg diese Zahl binnen kurzer Zeit auf 45.000. Zur Behebung der Wohnungsnot wurde 1939/40 mit der Errichtung einer großen Wohnhausanlage anstelle des aus dem Ersten Weltkrieg stammenden „Kriegsspitals” an der Pottendorfer Straße begonnen. Die Konzentration kriegswichtiger Industrie blieb jedoch den Alliierten nicht verborgen und führte zur fast völligen Zerstörung der Stadt in 29 Luftangriffen (77). Am 2. April 1945 marschierten Truppen der Roten Armee in eine Stadt ein, die großteils nur mehr aus Ruinen, Schuttbergen und Bombentrichtern bestand.
(77) N. SCHAUSBERGER, Rüstung in Österreich 1938–1945. (Publikationen des österr. Inst, f. Zeitgesch. u. des Inst. f. Zeitgesch. d. Univ. Wien 8, 1970).
Unter großen Opfern haben Wiener Neustädter Bürger ihre Stadt wieder aufgebaut: Wohl ist es nicht mehr gelungen, aus Wiener Neustadt ein Industriezentrum zu machen – doch ihre wiedererlangte große Bedeutung als Verwaltungsmittelpunkt, Verkehrsknoten, Schulstadt, Garnison und Einkaufszentrum hat dazu geführt, daß die Stadt mit Beschluß der NÖ. Landesregierung zur Viertelshauptstadt des südlichen Niederösterreich erklärt wurde (78). Mit 35.050 Einwohnern (Volkszählung 1981) ist Wiener Neustadt heute die zweitgrößte Stadt Niederösterreichs.
(78) GERHARTL, WN, S. 497 ff.
Gertrud Gerhartl
Anmerkungen
(1) J. MAYER, Gesch. v. WN, I, Bd. (1924) S. 2 sowie H. GÜTTENBERGER u. F. BODO, Das südöstl. NÖ (1929) S. 209.
(2) MAYER (wie Anm. 1)S. 2 ff.
(3) F. POSCH, Die Gründungszeit v. WN, in: Volksruf 71. Jg. Folge 52 (1942) S. 5 u. A. KLAAR, Der Stadtgrundriß v. WN, in: UH 17 (1946) S. 145 f.
(4) P. CSENDES, Die Straßen Niederösterreichs im Früh- und Hochmittelalter. (Diss. d. Univ. Wien 33, 1969).
(5) POSCH (wie Anm. 3) S. 5.
(6) G. GERHARTL, WN. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft. (1978) S. 11 u. 277.
(7) F. DWORSCHAK, Das Lösegeld, in: Katalog „König Richard I. Löwenherz”. (Dürnstein 1966) S. 31.
(8) GERHARTL, WN, S. 9 f.
(9) Ebda., S. 8 ff.
(10) MAYER (wie Anm. 1) S. 84 ff.
(11) M. POLLAK, Die Juden in WN. (1927) S. 7 ff.
(12) G. NIEMETZ, Der Dom zu WN. (SCHNELL, Kunstführer Nr. 1196, 1979) S. 2.
(13) GERHARTL, WN, S. 17 f.
(14) Ebda., S. 21 f.
(15) B. KOCH, Die mittelalterl. Münzstätten Österreichs. Gegenwärtigerstand der Forschung u. ihre Probleme, in: Dona Numismatica. (1965) S. 168 f. und GERHARTL, WN, S. 15.
(16) KLAAR, Ein Beitrag zur Baugesch. d. mittelalterl. Burgin WN, in: Almamater Theresiana, Jb. 1962, S. 53–59 u. Jb. 1963, S. 52–59.
(17) E. SCHÖN, Die Gesch. d. Deutschritterordens in WN, masch. phil. Diss. Wien (1963) S. 11.
(18) H. DIENST, Die Schlacht an der Leitha (Militärhistorische Schriftenreihe 19,1971) S. 11 ff.
(19) GERHARTL, WN, S. 30 ff.
(20) F. KOZAK, Der mittelalterl. Judenfriedhof in WN, in: Unser Neustadt, 1966/3, S. 3 f.
(21) GERHARTL, WN, S. 33.
(22) Ebda., S. 37 ff.
(23) GERHARTL, Der Dom zu WN. (1979) S. 16 f.
(24) GERHARTL, WN, S. 20 u. 42.
(25) GERHARTL, Dom, S. 17 ff.
(26) GERHARTL, WN, S. 50 f.
(27) Ebda., S. 59 f.
(28) Ebda., S. 51 ff,
(29) Ebda., S. 76 f.
(30) Ebda., S. 77 ff.
(31) Mitteilung von Herrn Univ. Prof. Dr. Gernot KOCHER, Graz.
(32) GERHARTL, Das WN.er Rathaus, in: Jb. f. LKNÖ N. F. 38 (1970) S. 296.
(33) GERHARTL, WN als Residenz, in: Katalog „Friedrich III.-Kaiserresidenz WN” (1966) S. 104 ff.
(34) GERHARTL, WN, S. 93 ff.
(35) GERHARTL (wie Anm. 33) S. 107 ff.
(36) MAYER (wie Anm. 1) II. Bd., Tafel VII: Topographie der Inneren Stadt.
(37) GERHARTL, WN, S. 137 f.
(38) KOCH, Münz- und Geldwesen unter Friedrich III., in: Katalog „Friedrich III. – Kaiserresidenz WN” (1966) S. 180 ff.
(39) P. SCHLEICHER, Die Bistumsgründungen Kaiser Friedrichs III., masch. phil. Diss. Graz (1970) S. 73 ff. u. GERHARTL, Peter Engelbrecht von Passail, in: Veröff. d. Steiermark. Landesarchives 12 (1981) S. 179 ff.
(40) W. WINKELBAUER, Der St. Georgs-Ritterorden Friedrichs III., masch. phil. Diss. Wien (1949).
(41) GERHARTL, WN. S. 175 ff.
(42) Ebda., S. 188 ff. u. 308.
(43) J. K. MAYR, Das Grab Kaiser Maximilians I., in: MÖStA 3 (1950) S. 470 ff.
(44) H. LAHODA, Der Ständekampf nach dem Tode Maximilians I. bis zu seiner Beendigung im Blutgericht von WN, masch. phil. Diss. Wien (1949).
(45) GERHARTL, WN, S. 208 ff.
(46) Ebda., S. 217 ff., 222 f. u. 296 ff.
(47) A. LECHNER, Das WN.er Bürgerspital während des Mittelalters u. der frühen Neuzeit, masch. phil. Diss. Wien (1965) S. 148 f. u. 154 f.
(48) J. FRANZL, Studien zur Gesch. d. Protestantismus in WN, masch. phil. Diss. Wien (1974) S. 5 ff.
(49) MAYER (wie Anm. 1)111. Bd., S. 200 ff.
(50) GERHARTL, WN, S. 240 f.
(51) FRANZL (wie Anm. 48) S. 147 ff.
(52) F. BODO, WN. Ein Überblick über die Bevölkerungsbewegung u. Herkunft der Bevölkerung, in: Jb. f. LKNÖ N. F. 32, 1955/56 (1958) S. 349 ff.
(53) GERHARTL, WN, S. 258 ff. u. 263 f.
(54) POSCH, Die niederländische Armaturmeisterschaft in WN, in: UH 21 (1950) S. 46 ff.
(55) GERHARTL, WN, S. 269 ff., 277 ff., 282 u. 2900
(56) P. E. ZAK, Beiträge zur 300 jährigen Gesch. d. WN. er Gymnasiums, in: FS. des Bundesgymnasiums in WN anläßlich des 300 jährigen Bestandes (1966) S. 30 ff.
(57) F. C. BOEHEIM'S Chronik v. WN. 2. Auflage (1863) I, S. 275 ff.
(58) F. POKORNY, Stiftung der Vorstadtkirche „Zum hl. Leopold” durch eine vormalige türkische, danach getaufte Familie. (WN 1903) u. K. TEPLY, Mehmed Colak Beg-Leopold Freiherr von Zungenberg; in: MIÖG 80 (1972) S. 125 ff.
(59) GERHARTL, Katalog der Ausstellung „WN-Festung, Residenz, Garnison”. (1972) S. 59.
(60) J. JOBST, Die Neustädter Burg und die k. k. Theresianische Militärakademie. (1908) S. 77 ff.
(61) GERHARTL, WN, S. 336 f.
(62) Ebda., S. 343 ff.
(63) Ebda., S. 342 f. u. 350 ff.-Vgl. auch S. FUCHS, Die in NÖ unter Joseph II. aufgehobenen Klöster im Hinblick auf ihre Weiterverwendung, masch. phil. Diss. Wien (1967) S. 109 ff. sowie J. SCHMIDT, Die Anfänge der Industriestadt WN zur Zeit Josephs II, masch. phil. Diss. Wien (1979).
(64) GERHARTL, WN, S. 354.
(65) GERHARTL, Dom, S. 37 f.
(66) V. E. RIEBE, Der WN.er Schiffahrtskanal. (1936).
(67) E. WURM-E. STÖCKLMAYER, Industrie im Raum WN (Schriftenreihe der Handelskammer NÖ 9, 1970) S. 44 ff.
(68) A. G. ABSENGER, 150 Jahre Felixdorf. Eine chronikartige Geschichtsdarstellung, in: FS. „150 Jahre Felixdorf 1822–1972” (1972).
(69) ABSENGER, Felix Mießl, Edler von Treuenstadt, Bürgermeister v. WN (1816–1848), masch. phil. Diss. Wien (1963) S. 100–150.
(70) WURM-STÖCKLMAYER (wie Anm. 67) S. 30 ff.
(71) GERHARTL, WN, S. 390, 397 f. u. 405.
(72) L. BAUER, Das Schulwesen WN.s von 1850–1914, masch. phil. Diss. Wien (1972).
(73) GERHARTL, WN, S. 410 f.
(74) Dir. KINNER, Wie die Josefstadt entstand, in: Unser Neustadt, 1963/1 S. 1 ff. u. 1963/2, S. 1 ff. u. K FLANNER, Julius Kinner-der Erbauer der Josefstadt, in: Amtsblatt der Statutarstadt WN, 1977, Nr. 2, S. 30.
(75) I. ZELENKA, Bürgermeister Franz Kammann u. die Deutschnationalen in WN, masch. phil. Diss. Wien (1973).
(76) GERHARTL, WN, S. 473 f. u. 483 ff.
(77) N. SCHAUSBERGER, Rüstung in Österreich 1938–1945. (Publikationen des österr. Inst, f. Zeitgesch. u. des Inst. f. Zeitgesch. d. Univ. Wien 8, 1970).
(78) GERHARTL, WN, S. 497 ff.

 

 

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